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Fach-Chinesisch: Spaghetti-Code und Ecosystem

Benno Maggi erklärt in seiner neusten M+K-Kolumne «Fach-Chinesisch» Begriffe aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich.

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Spaghetti-Code, Substantiv, maskulin
Nein, essen kann man ihn nicht – und trotzdem ist er äusserst schwer verdaulich. Ein Spaghetti-Code bringt manch einen Online-Entwickler an den Rand der Verzweiflung, bzw. löst bei ihm sogar Brechreiz aus. Ob Java, C, Python, PHP oder Ruby, ein Spaghetti-Code ist ein Quell-Code, dessen Aufbau nicht immer logisch und nachvollziehbar ist, sondern so verworren, verflochten oder ständig erweitert, dass er auf andere wirkt wie ein Teller Spaghetti, der kaum noch auf die Gabel zu drehen respektive auseinander zu dividieren ist. Das führt dann zu unschönen Szenen, wenn sich die Entwickler innerhalb von Unternehmen oder Agenturen gegenseitig darin überbieten, den Code des anderen schlecht zu reden. Unter dem Begriff Spaghetti-Code reihen sich zuweilen leider auch Codes ein, die ein Online-Entwickler nicht selbst programmiert hat. Verständlich zwar, denn fürs Programmieren ist viel unqualifiziertes Personal unterwegs und eine sinnvolle Zertifizierung gibt es nur für die wenigsten Programmiersprachen. Ein zweiter Entwickler wird zudem oft erst dann eingeschaltet, wenn das Projekt schon so wackelig und zeitkritisch unterwegs ist, dass die Sache anzubrennen droht. Schade eigentlich, dass in der digitalen Welt, welche Open-Source als ihr Heiligtum schimpft, immer an allem, was nicht selbst erfunden ist, rumgemeckert wird. Aber beruhigend, dass auch in dieser neuen Welt dieselben Probleme und Regeln vorherrschen wie in der analogen. Eine davon heisst: Zu viele Köche verderben den Brei.

Ecosystem, Substantiv, neutrum
Das Ecosystem erlebt zurzeit grad ein grossartiges Revival. Es ist schon eine Weile her, seit es das erste Mal aufgetaucht ist und sich – von seinem Erfinder, dem Harvard Professor James F. Moore, Business Ecosystem benannt – in den Präsentationen der Unternehmensberater und den Schulbüchern der Elite Business Schools rund um den Erdball festgesetzt hat. Nicht zu verwechseln mit dem Öko-System, das seit der Atom-Abstimmung in der Schweiz zumindest politisch arg ins Wanken geraten ist. Die Beliebtheits-Bewegungen der beiden Begriffe scheinen sich im Moment zu kreuzen: Der eine befindet sich medial gerade im Sinkflug (Öko-System) oder dessen Bedroht-Sein wird neuerdings sogar seine Existenz aberkannt (Klima-Lüge), der andere erscheint insbesondere im Marketing überall für alles herhalten zu müssen. Brand Ecosystem, Marketing Ecosystem und Digital Ecosystem sind Anwendungen, mit der gerade bei Pitches und Strategie-Präsentationen landauf, landab gepunktet wird. Gemeint sind damit lediglich alle für ein Unternehmen oder einen Geschäftsprozess relevanten Elemente, Faktoren und Zielgruppen (Stakeholder), die in einem Verhältnis zueinander stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Ähnlich wie das in der Natur zwischen geografischer Lage, Klima, biologischen Gesetzmässigkeiten und daraus resultierenden Veränderungen der Lebensräume geschieht.

www.m-k.ch/fachchinesisch

Ausgabe Marketing + Kommunikation, 20. Dezember 2016