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Fachchinesisch: Initiative und agil

Benno Maggi erklärt in seiner neusten M+K-Kolumne «Fachchinesisch» Begriffe aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich.

InitiativeSubstantiv, feminin
Ein Begriff, der bis vor kurzem fast ausschliesslich in der Politik verwendet wurde, hält derzeit Einzug im Bereich Marketing und Kommunikation. Strategische Initiativen sind von den Powerpoint-Charts der Unternehmensberater in die Geschäftsleitungen der Unternehmen und von da in die Marketing- und Kommunikationsabteilungen und Agenturen geraten. Gemeint damit sind Anstösse für grosse Veränderungen. Was früher Idee, Projekt oder Kampagne genannt wurde, gilt heute oft bereits als Initiative – ist aber keine. Um in der politischen Schweiz eine solche auf Bundesebene zu lancieren, braucht es 100’000 Unterschriften von Stimmberechtigten, gesammelt in der Zeitspanne von 18 Monaten. In Marketing oder Kommunikation müssen für Initiativen zwar keine Unterschriften gesammelt werden, dafür ist die Hoffnung, dass Initiativen aus diesen Bereichen überhaupt zur Abstimmung auf Management-Ebene gelangen, gering. So sind die Unterschriftensammler an Bahnhöfen und vor Abstimmungslokalen beneidenswert, denn prozentual müssen diese gerade mal 1,9% der Stimmberechtigten im Lande eine Unterschrift abringen und schon ist die Initiative lanciert.

agilAdjektiv
Plötzlich sind es alle: flink, beweglich, regsam, wendig – oder eben: agil. Angesichts digitaler Revolution, disruptiver Geschäftsmodelle, Brexit, Trump, wilde Blattern und Krippenferien und anderer Gamechanger in Wirtschaft, Politik und Kindserziehung ist es auch angezeigt, beweglich zu bleiben, wenn wir kein böses Erwachen erleben möchten. Das Wort lateinischen Ursprungs tauchte anfangs der Nullerjahre vermehrt im Silicon Valley auf, eine Dekade später eroberte es auch den deutschen Sprachraum. Mittlerweile wollen viele Unternehmen und alle Agenturen in der Marketing- und Kommunikationsbranche agil sein; heuer hat sich auch das Swiss Economic Forum “Agilität” als Oberthema gewählt – ein sicherer Indikator, dass dem Begriff eine Inflation droht. Das Problem: Zwischen agil sein wollen und agil sein können passt ein Ozeandampfer. Es ist ein Etikett, das sich jeder gern ans Revers heftet, aber dessen Aufforderung kaum einer nachkommt. Denn wer wirklich agil sein will, braucht Mut zum Experiment und Bereitschaft zur Kollaboration. Agil sein ist mehr als hektisch-opportun auf jede Veränderung zu reagieren. Es bedeutet viel mehr Neues zu kreieren und profitabel (Wirtschaft), mehrheitsfähig (Politik) oder lebensnah (Kindserziehung) zu machen.

www.m-k.ch/was_bedeutet_eigentlich/

Ausgabe Marketing + Kommunikation, Juli 2016

pp_benno_maggi_online_2016