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Fach-Chinesisch: War-Room und Wortschutt

Benno Maggi erklärt in seiner Kolumne «Fach-Chinesisch» Begriffe aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich.

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War-Room; Substantiv, maskulin
Dass Männer im Bereich Marketing sich immer schon gern am Kriegsvokabular bedient haben, ist nichts Neues. Aber in Anbetracht der weltweit testosterongeschwängerten Politsituation mit Figuren wie Trump, Putin, Erdogan und Kim Jong-un an den Reglern der Macht wirkt das Modewort «War Room» komplett deplatziert.

Für jene, die in den letzten Jahren eine Feminisierung des Marketings und der Kommunikation festgestellt haben wollen und froh waren, dass auch in dieser Branche endlich dem Mad Man den Garaus gemacht wurde, wirkt es etwas gar zynisch. Und doch ist plötzlich überall in Unternehmen die Rede von einem War-Room, als herrsche ein «Krieg» um Marktanteile.

Projektverantwortliche treten wie Mini-Generäle auf und punkten an Sitzungen mit der Forderung nach einem War-Room. Das Modewort verleiht nämlich selbst belanglosen Vorhaben eine erhöhte Dringlichkeit und Wichtigkeit. Aber was bedeutet es eigentlich?

Ein War-Room ist der Ort, wo die Befehlshaber im Kriegsfall Strategien diskutieren, Entscheide fällen und militärische Operationen kontrollieren. Im militärischen Kontext ist der Begriff schon uralt. Das erste Mal im Kommunikations-Zusammenhang wurde War-Room 1992 im US-Wahlkampf von Bill Clinton verwendet. Die Demokraten hatten vier Jahre zuvor von George W. Bush Senior richtig aufs Dach gekriegt und mussten kampagnentechnisch über die Bücher. Es war ausgerechnet Clintons Frau, die damals auf die Forderung der neuen Kampagnenleitung, «Wir brauchen ein Team, das jeden Morgen aufsteht und nichts anderes denken soll als: wie ficken wir die Konkurrenz?», antwortete: «Was Sie hier fordern ist ein War-Room, sowohl der Name als auch die Attitude.» Bitte, Gentlemen in Marketing und Kommunikation, es geht auch ohne.

Wortschutt; Substantiv, maskulin
Jede Person, die schon einmal an Sitzungen mit Beteiligung mehrerer Abteilungen oder Unternehmen ausharren oder in Projektmanagement-Tools oder Email-Forward-Bandwürmern nach dem Kern einer Sache suchen musste, weiss, was «verschüttet werden» bedeutet. Das Substantiv Wortschutt bezeichnet alle überflüssigen Worte und Floskeln, die weder der Sache noch der Verständlichkeit dienen, sondern umgekehrt eher Ausdruck der Hilflosigkeit des Verfassers ist.

Wortschutt ist meistens so gut durchmischt, dass keine Sortierung oder Schichtung entsteht und der Zuhörende oder Lesende sich ratlos, erschöpft unverrichteter Dinge wieder dem Tagesgeschäft widmet. Wer neue Erkenntnisse erlangen oder gar Neues entdecken möchte, sollte deshalb entweder auf Wortschutt verzichten oder ihm aus dem Weg gehen. Überflüssige Worte häufen sich nämlich in ihrer Gesamtheit an, wie das von Gletschern transportierte Material im Alpenraum. Sie bilden in den Sitzungszimmern, Postfächern oder Projektmanagement-Tools imaginäre Moränen, die ganze Projekte, Abteilungen und Firmen prägen und lähmen. Es dauert dann Monate oder Jahre bis darauf etwas Fruchtbares entstehen kann. Hätten Wortschutt-Produzenten diese Erkenntnis, kämen sie vielleicht schneller zur Sache.

www.m-k.ch/fachchinesisch

Ausgabe «Marketing + Kommunikation», 2. Mai 2017