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Fachchinesisch: Was bedeutet eigentlich «skalieren»?

Benno Maggi erklärt in seiner Kolumne «Fachchinesisch» Begriffe aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich.

Seit Billig-TV-Sender auch die Schweiz mit Start-up-Fieber anstecken wollen, muss plötzlich alles skalieren, sonst fängt niemand an zu denken, geschweige denn zu handeln. Das ist nicht gerade förderlich in einem Land, wo im Bereich Job Creation (Skalierung von Arbeitsplätzen) – jener Bereich also, der in Zukunft den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes darstellen wird – die Quote schlechter ist, als vielfach erzählt wird.

Während in den USA nicht nur die Giganten Amazon (Gründungsjahr 1994, Mitarbeitende 2016: 351’000), Google (1998, 72’053) und Facebook (2004, 17’048), sondern vor allem auch kleinere Start-ups an die drei Millionen neue Jobs kreierten, bleiben Schweizer Start-ups meist in der Anfangsphase stecken. Dabei sind die ETH und EPFL ähnlich erfolgreiche Brutstätten wie in den USA Stanford und Harvard. Aber die Schweizer ETH- und EPFL-Spin-offs kommen nach der ersten Finanzierungsrunde meist nicht mehr vom Fleck, weil Risikofreudigkeit und -kapital fehlen.

Warum skaliert das nicht?
An Ideen würde es nicht mangeln. An motivierten Jungunternehmerinnen und Jungunternehmern auch nicht. Schuld daran, dass es Start-ups in der Schweiz so schwer haben, sind 1. Trägheit, 2. Skepsis und 3. Selbstzufriedenheit: Die Trägheit der Investoren, die mit meist altem Geld aus ihren Family Offices, Trusts und Fonds lieber noch mehr Luxusgüter anschaffen als Risikokapital bereitstellen. Wenn sie das dann doch mal in Start-ups investieren, dann nur, um damit in Rotarier-, Rennweg- oder anderen Clubs zu prahlen, anstatt fundierten Managementsupport zu liefern. Und wenn ab der zweiten oder dritten Finanzierungsrunde für die Skalierung des Business’ richtig Kohle gefragt ist, bekommen sie kalte Füsse.

Die Skepsis der Schweizerinnen und Schweizer gegenüber allem Neuen und Anderen. Und die Selbstzufriedenheit der Jungunternehmer, die sich rasch mit dem Geleisteten zufriedengeben und den Exit aus den Unternehmen zu früh planen, statt Mut zu beweisen und gross zu denken. Daran werden wohl auch TV-Serien nichts ändern können.

Zum Artikel auf «Werbewoche»
Werbewoche, 25. Juli 2019