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Fachchinesisch: Was bedeutet eigentlich «viral»?

Benno Maggi erklärt in seiner Kolumne «Fachchinesisch» Begriffe aus dem Marketing- und Kommunikationsbereich.

Wer hätte gedacht, dass das winzige Wörtchen plötzlich einen so negativen Beigeschmack hinterlässt in der Branche. War es noch vor wenigen Wochen etwas Grossartiges, wenn davon gesprochen wurde, dass etwas viral geht, so schwingt seit dem Ausbruch der Corona-Krise etwas Bedrohliches mit. Der Begriff bahnt sich nämlich gerade den Weg von seinem metaphorischen Verwendungsbereich in den Social Media zurück in sein ursprüngliches Herkunftsgebiet: der Medizin. Um gleich mal in den fachsprachlichen Tenor der sogenannten oder selbsternannten Experten einzustimmen, sei als tertium comparationis des Wörtchens in beiden Gebieten klargestellt: sich schnell verbreitend.

 

 

Wenn Kontakte zur Gefahr werden
Ein Kontakt gilt in der Werbebranche als Währung und diese erleidet grad – weil etwas viral geht – einen noch nie erlebten Kurssturz, was verheerende Folgen für alle Beteiligten der Branche haben könnte, egal ob Medium, Agentur oder Auftraggeber. Aber auch ein Virus selbst ist ja eine bemitleidenswerte Struktur und – weil es auf den Stoffwechsel seiner Wirtszelle angewiesen ist – kein Lebewesen, so sind sich Virologen einig. Luftpiraten gleich übernehmen Viren das Cockpit ihrer Wirtszelle und steuern diese in die Selbstzerstörung, indem sie ihre DNA einschleusen mit der Folge, dass nur noch Virenkopien produziert werden. Und da unterscheidet sich nun marketing-viral definitiv von medizinisch-viral. Denn während ersteres zwar ansteckend, aber in aller Regel produktiv oder mindestens unterhaltsam ist, ist die Strategie von zweitem zwar zugestanden raffiniert, aber unheilvoll. So bleibt für die Zukunft offen, wie viral das Wörtchen viral in der Branche noch verwendet werden wird.

Zum Artikel auf «Werbewoche»
Werbewoche, 9. April 2020