Blog

Staatlich verordneter Digitalisierungs-Booster

Allzu lange wurde der Begriff «digitale Transformation» mit einem stiefmütterlichen Augenrollen bedacht. Und plötzlich geht’s voran – dank des staatlich verordneten Lockdowns.

Gute Gründe für Homeoffice statt Einzel- oder Grossraumbüros, Videocalls statt schlecht durchlüfteter Sitzungszimmer sowie digital Payment statt Bargeld gab es natürlich schon vor Covid-19. Trotz Digital Switzerland und anderen Bemühungen bewegte sich aber lange nur wenig. Viel zu wenig eigentlich für ein Land, das sich selbst als innovativ und vor allem für eine Branche, die sich selbst als kreativ bezeichnet. Nun verändert sich die Schweiz und mit ihr die Kreativbranche gerade radikal und die Bewahrer der alten Welt sind – wenn nicht verstummt – so zumindest etwas leiser geworden. Zeit für ein Plädoyer für den Fortschritt.

Digitalisierung hat viele Gesichter
Als im März 2015 das erste Mal von Digital Payment, insbesondere dem Startup TWINT die Rede war, wurde müde gelächelt. Journalisten wie Wirtschaftsexperten konnten sich kaum zurückhalten mit Dystopien über den Outcome dieser vom Staat (Postfinance) lancierten Revolution im Zahlungsverhalten der Schweizer Bevölkerung. Heute sieht man Leute in den Läden lieber den QR-Code scannen als die vielleicht virenverseuchte Tastatur des Credit-Card-Terminals zu bedienen, von Bargeldzahlungen redet schon gar niemand mehr. Das ist Fortschritt. Und das ist Digitalisierung.

Plötzlich kommt also dieser «Game-Changer» in Form des staatlich verordneten Lockdowns – und vieles ist möglich. Mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Art, wie wir zusammenarbeiten und wie wir die Balance suchen zwischen Privatem und Geschäftlichen. Möglichkeiten zur digitalen Transformation bieten sich in der aktuellen Situation viele – und auch solchen, denen Homeoffice nicht möglich ist. Zum Beispiel jenem tamilischen Catering-Unternehmen, das hart vom Lockdown betroffen ist, weil zum einen alle für den Foodtruck geplanten Festivals abgesagt worden sind und zum anderen auch das Mittagsgeschäft nur noch die Hälfte des Umsatzes bringt. Dessen Inhaber hat kurzerhand entschieden, unter dem Label «Currybag» vorgekochte, abgepackte Fertig-Menus in 7 Sorten online anzubieten und seinen Kunden per Velo zu liefern. Das alles über einen im Nu auf die Beine gestellten Webshop und einem organischen Social Media-Spread. Digitale Transformation in 3 Wochen.

Die Entwicklung der Digitalisierung in der Kreativwirtschaft braucht da schon etwas länger. Was sich anfangs des Lockdowns für die Agenturen wie eine Nachtübung in der Pfadi anfühlte, wird zum Alltag. Dabei ging – wie sich jetzt zeigt – vielerorts vergessen, dass das kein Game ist, sondern Digitalisierung im Fast Forward Modus.

Es wäre zu wünschen, dass nun der grosse Bedarf an Kreativität, Design-Thinking und Innovation jeder Art endlich in Produkt-, Dienstleistungs- und Organisationsentwicklung investiert würde. So käme die digitale Transformation endlich auch strategisch aus den Hufen und Pfründe wie alte Tarif- und Honorarmodelle, ausgereizte Wertschöpfungsketten und outgedatete Hierarchien könnten verabschiedet werden. Bei Partner & Partner haben wir ab 2012 unforced, aber mit Überzeugung die digitale Transformation radikal vollzogen und das dafür notwendige Mindset ist in der Organisation genauso wie in den Prozessen und bei den Mitarbeitenden längst etabliert.

Digitale Transformation der Organisation
Denn die Digitalisierung als blosse technische Entwicklung zu verstehen, greift viel zu kurz. Bis vor dem Lockdown waren die dafür notwendigen flexiblen Arbeitszeitmodelle und Homeoffices Optionen, die vielleicht in den Tec-Firmen im Silicon Valley stattfinden konnten, bei uns aber «kulturell» nicht funktionieren würden, wie es gerne hiess. In den HR-Abteilungen und unter COOs und CEOs wurden diese Modelle gerne damit wegargumentiert, dass die Leistungsfähigkeit und Effizienz darunter leiden würden, statt dass darüber nachgedacht wurde, wie deren Potential langfristig genutzt werden könnte. Für viele Unternehmen war es einfacher, digitale Transformation als Anschaffungsgrund für neue Server, Computer und Tools zu verstehen, als ihren Mitarbeitenden tatsächlich mehr Verantwortung und flexible Arbeitszeitmodelle zu ermöglichen.

Wir haben die Signale zum Glück frühzeitig richtig gedeutet und unsere Unternehmenskultur darauf ausgerichtet, die digitale Transformation produktiv zu nutzen und nicht zur Alibi-Übung verkommen zu lassen. Selbstorganisation, Eigenverantwortung, Holocracy, Solidarität, Mut, Fehler‐ und Kritikkultur, transparente Kommunikation, Work‐Life‐Integration sind die relevanten Themen, welche die organisatorischen Grundlagen bilden, eine Digitalisierung voranzutreiben. Mitarbeitende müssen sich trotz Homeoffice eingebunden fühlen und sich mit ihrem Unternehmen identifizieren, damit die Spielregeln auf allen Seiten fair bleiben. Dafür gibt es weder Impfstoffe noch Software und auch noch keine Apps.

Alte Gewohnheiten zugunsten von neuen Routinen aufgeben müssen
Wer jetzt auf ein Zurück zur Normalität hofft, hat vergessen, dass es diese nicht mehr gibt. Die in der Krise erlebte Isolation, die finanziellen Einbussen und die persönlichen Verluste werden jede und jeden von uns nachhaltig prägen. Dazu gehört im Kollektiv auch die schmerzhafte Erfahrung, dass wir in der sogenannten Normalität auf sehr dünnem Eis unterwegs waren.

Darum gilt es heute mehr denn je zu erkennen, dass erstens Verhaltensänderungen immer auch Verhältnisänderungen erfordern. Dass zweitens das Thema Digitalisierung für Unternehmen grösser und umfassender zu denken ist als in Terrabytes. Und dass drittens zur digitalen Transformation ein sozialer Change für die gesamte Organisation gehört, in welchem Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit wichtiger sind als Quartalsergebnisse, Titel und Awards.

Nur so sind nachhaltige Unternehmensführung und wirtschaftlicher Erfolg in Zukunft noch möglich. Schliesslich gilt es ja, nicht nur die aktuelle, sondern auch die nächste Krise zu meistern. Denn wenn am 11. Mai der Lockdown auf vielstimmiges Drängeln hin und entgegen der Rufe sämtlicher Experten gelockert wird, dann ist die Gefahr einer zweiten Welle gross. 100 Milliarden Franken später wird dann der Ruf nach dem Staat, der das alles bezahlen soll, noch lauter ertönen als je zuvor. Auch von jenen, die ihm in Form von Steuern nichts zahlen können oder wollen, weil sie entweder zu wenig haben oder zu viel. Vielleicht ist bis dann aber wenigstens die Erkenntnis gereift, dass in einer digitalisierten Wertschöpfungskette der Faktor Mensch nach wie vor eine Schlüsselrolle spielt.